Absturz aus der Mitte – aber richtig

von Thomas Müller, 19.05.2019

mann verzweifeltEs riecht nach Linoleum und trockenem Papier. Auf der Anzeige steht „273”, auf dem Zettel steht „303”.

Da sitzt er nur nun, der Manfred Jedermann, und denkt darüber nach, wie es so weit kommen konnte.
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5 Jahre hat er als Maurer gearbeitet, war beim Bund gewesen, hat geheiratet, mit seiner Frau zwei Kinder groß gezogen, Haus gebaut, Baum gepflanzt und den Meister gemacht.

Und dann mit 50 war plötzlich Schluss. Er weiß es noch als wäre es gestern gewesen. Alle versammelten sich Anfang Dezember in der Lagerhalle und jeder erwartete gute Nachrichten und eine satte Weihnachtsgratifikation.

Aber dann kam der Hammer, Insolvenz!
Alle Kollegen waren geschockt und auch Manfred war klar, dass es in seinem Alter schwierig sein würde, auf dem Bau noch eine neue Arbeit zu finden.

Wer würde noch einen Maurer im Alter von 50 Jahren einstellen, vor allem bei der Billigkonkurrenz aus Polen?
Fast 80 Bewerbungen hat er in den vergangenen 10 Monaten geschrieben, erst in der Stadt, dann im Umland und schließlich bundesweit. Die meisten Firmen hatten nicht mal eine Empfangsbestätigung für ihn übrig.

Einige wenige Firmen schickten ihm eine Antwort, die sie wohl alle aus dem gleichen Arbeitgeber-Ratgeber kopiert hatten. Die Antwort lautete immer „…müssen wir ihnen leider mitteilen, dass wir uns für einen anderen Bewerber entschieden haben…”.

Und dann kam der Brief „vom Amt”. Das Arbeitslosengeld würde demnächst auslaufen und wenn er keine Einkünfte habe, solle er sich sich um Hartz IV kümmern.
Na ja, genau so stand es zwar nicht da, aber sein Sohn, der Erik, hatte ihm das so erklärt. Blödes Beamtendeutsch.

Also hat er sich einen Termin besorgt und alles aufgelistet, was er so an Konten, Geld und Verträgen hat. Nach 35 Jahren harter Arbeit kommt einiges zusammen.
Eine private Renten- und Lebensversicherung für seine Frau und sich selbst, denn schließlich pfeift es die Politik von allen Dächern, dass die gesetzliche Rente nicht reicht.

Dann das Haus. Notwendig für ein schönes Heim, in dem die Kinder aufwachsen können, und hilfreich wenn im Alter die Rente nicht reicht und man dann mietfrei wohnen kann.
Ein paar Euro sind noch auf dem Sparbuch hängen geblieben, nach dem Auszug der Kinder war immer etwas übrig am Ende des Monats.

Nur die Betriebsrente, die ist mit der Insolvenz im Nirgendwo verschwunden.

Und jetzt das, Hartz IV. Langzeitarbeitslos. Und das mit 51.
Die Menschen um ihn herum sehen alle ganz normal aus. Nicht so, wie es die Blöd-Zeitung und das quotengeile Privatfernsehen immer darstellen. Aber irgendwie pleite wirken die meisten schon.

Manche haben sich schick gemacht und dabei offensichtlich übertrieben. Ob das was bringt? Auf jeden Fall sieht es bei einigen eher aus wie gewollt und nicht gekonnt – oder einfach nur bizarr.
Dann ist er dran.

Der Mann hinter dem Schreibtisch ist deutlich jünger als Manfred. Und er sieht gestresst aus. Na ja, ist ja auch schon halb drei.
Manfred reicht seine Unterlagen rüber und der Mann guckt, ob alles da ist. Dann geht er nach ein paar kurzen Worten raus zum Kopierer. Drei Minuten später ist er wieder da und drückt Manfred die Originale in die Hand. Das wars auch schon. Dafür hat er fast eine Stunde gewartet. Na ja.

Zwei Wochen später.
Manfred sitzt wieder bei dem jungen Mann im Büro.
Abgelehnt”, hatte Erik ihm den Brief vom Amt übersetzt. Aber wieso? Das wollte Manfred genau wissen.
Ja, sie haben Vermögen. Das müssen Sie erst verwerten, bevor Sie eine Leistung erhalten können.”
Vermögen? Welches Vermögen? Auf den Konten von mir und meiner Frau sind gerade mal knapp 5000 Euro. Zusammengerechnet. Mein Sohn hat gesagt, dass wäre unter der Maximalgrenze.”

Ja, schon. Aber die Rentenversicherungen, die Lebensversicherung und das Haus. All das liegt zusammen mit dem Bargeld weit über der Maximalgrenze. Das können und müssen sie verwerten, also zu Geld machen. Von dem Geld müssen sie dann ihren Lebensunterhalt bestreiten.
Und ach ja, das Haus ist für den Fall, dass sie Grundsicherung für Arbeitslose, also Hartz IV, beantragen, mit 120 qm Wohnfläche zu groß für zwei Personen. Das müssen sie auf jeden Fall verkaufen.”

Aber ich habe das Haus selbst gebaut, meine Kinder sind dort groß geworden und es war als Alterssicherung gedacht, mietfrei wohnen und so. Es heißt doch immer, man solle fürs Alter vorsorgen.”

Ja, das ist richtig. Aber für die Grundsicherung gibt es eben Bestimmungen. Sie können ja zuerst ihre Versicherungen verkaufen und von dem Geld leben. Vielleicht finden Sie in der Zeit ja wieder eine Arbeit.”

Aber Erik, mein Sohn, der sagt, dass mir die Versicherungen nur einen kleinen Teil von dem zahlen, was die Verträge inzwischen tatsächlich wert sind.”

Das mag sein, aber da kann ich nichts machen. Das müssen sie mit ihrer Versicherung klären”.

Und wieso ist mein Haus zu groß?”

Da ihre Kinder nicht mehr bei ihnen wohnen, stehen ihnen bei Grundsicherung für zwei Personen 70 qm Wohnfläche zu. Wenn das Haus jetzt 80 qm Wohnfläche hätte, dann könnten wir vom Jobcenter ein Auge zu drücken, aber so geht das leider nicht. Vielleicht könnte ihre Frau wieder arbeiten.”

Meine Frau hat halbtags gearbeitet, als beide Kinder in die Schule gekommen sind. Sie war in der gleichen Firma wie ich”.

Oh, das ist ja blöd… Also ich kann ihnen heute nur sagen, dass ich ihren Antrag nicht bewilligen kann und darf, solange sie so viel Werte haben. Tut mir Leid.”

Aber die Politiker sagen doch heute immer, das Lebensleistung anerkannt werden soll. Was ist mit meiner Lebensleitung?”

Das kann ich ihnen leider auch nicht sagen.”

Manfred und der junge Mann hinter dem Schreibtisch sind sich einig, dass das Gespräch wohl für heute beendet ist.

Zwei Jahre später.
Manfred ist jetzt 53. Weder er noch sein Frau haben in der Zwischenzeit Arbeit gefunden. Überrascht hat das niemanden.
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Die Versicherungen haben für die Rentenversicherungen und die Lebensversicherungen gerade mal die Hälfte von dem gezahlt, was sie wert waren. Und wenn man die ersten Beitragsjahre bedenkt, die nur dazu da waren, die Provisionen des Maklers zu bezahlen, dann war es sogar noch weniger.

Nun sitzt Manfred beim Notar und unterschreibt den Vertrag, mit dem er sein Haus verkauft. Eine Wohnung in passender Größe zu einem angemessenen Preis haben sie nicht gefunden. Manfred kennt sich aus, was Bausubstanz und Co. angeht.

Sie ziehen in zwei Wochen in ein Mietshaus. Immerhin hat die neue Wohnung 72 qm.

Noch ein Jahr später.
Manfred ist jetzt 54 und wohnt nun mit seiner Frau in einen Wohnsilo. Für das Geld vom Hausverkauf haben sie die Wohnung beinahe kernsaniert. Manfred hat viel selbst gemacht, aber trotzdem. Und die Miete ist sagenhaft, um nicht zu sagen märchenhaft, ja gerade zu Science-Fiction-haft – hoch.

Und bei den Nebenkostenabrechnungen wird von der Nowonia, so heißt die Firma, der das Haus gehört, kräftig zugelangt. Und manche Nebenkosten sind, sagen wir mal vorsichtig, sehr phantasievoll kalkuliert.

Aber das hat wohl alles seine Richtigkeit, denn die Nowonia hat letztes Jahr Tausend Millionen Euro Gewinn gemacht und die Politik hat es nicht gestört, dass jemand mit einem der elementaren Grundbedürfnisse eines jeden Menschen so viel Profit macht.

Drei Jahre später.
Manfred ist 57. Seine Frau ist letztes Jahr krank geworden, Nervenzusammenbruch, Klinik, Reha, der Antrag auf Frührente läuft. Die nervliche Belastung der Arbeitslosigkeit und die ständige Gängelung vom Amt haben sie krank gemacht. Und dann noch die gebetsmühlenartige Stigmatisierung durch die Medien.

Durch ihre Krankheit wird das Geld schnell weniger. Manfred macht sich Sorgen. Die ständig steigenden Mieten und die fragwürdigen Nebenkostenabrechnungen werden immer krasser. Jedes Jahr will die Nowonia mehr Geld haben.

Immerhin hat Manfred nun einen 450-Euro-Job. Aber als „Hartzer” kommt nicht mal die Hälfte davon tatsächlich bei ihm an. Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie Leistung in diesem Lande anerkannt wird, vor allem wenn „kleine Leute” sie erbringen.

Die behinderten Kinder, die Manfred tagtäglich im Schulbus begleitet, bekommen die Sorgen von „Pappa Manni” nicht mit, dafür sorgt er schon.

Noch mal zwei Jahre später.
Manfred ist 59. Seine Frau braucht einen Rollator. Sie ist am Ende. Das Geld der beiden auch.

Endlich bekommen Sie die Grundsicherung.
Aber offensichtlich versteht die Politik unter „Grundsicherung” etwas anderes als die Göttin, welche die „Grundbedürfnisse” der Menschen geschaffen hat. Vielleicht sollte man es deshalb besser „Untergrundsicherung” nennen.
Der junge Mann hinter dem Schreibtisch beim Amt von damals ist längst nicht mehr da. Heute redet Manfred wieder mal mit einem anderen Sachbearbeiter. Na ja, eine junge Sachbearbeiterin. Immerhin was fürs Auge.

Das Geld, das „vom Amt” für die Miete gezahlt wird, reicht nicht aus für die Miete, sagt Manfred.

Das tut mir Leid, aber sie bekommen schon den Höchstsatz. Wenn sie sich vielleicht eine günstigere Wohnung suchen.”

Beide schauen sich kurz wortlos an. Man kann sich auch ohne Worte einig sein.

Können sie denn nicht bei ihren Kindern wohnen oder können die sie nicht finanziell unterstützen?”

Nein, die haben selber Familie, die kommen gerade so über die Runden, obwohl alle Vier Arbeit haben, also auch meine Stieftöchter. Selbst wenn sie wollten, könnten sie uns nicht unterstützen. Und das wäre uns auch unangenehm, meiner Frau und mir, jetzt noch den Kindern auf der Tasche zu liegen”.

Sie gehen ja nächstes Jahr in Rente…”

Wieso gehe ich nächstes Jahr in Rente?”

Na ja, sie werden nächstes Jahr 60, da werden sie von Amts wegen verrentet. Wussten Sie das nicht?”

Nein. Um Gottes Willen, da bin ich ja sieben Jahre zu früh dran. Dann bekomme ich ja jede Menge Abzüge. Ich will nicht so früh in Rente.”

Tut mir Leid, aber das wird immer so gemacht. Sie können dagegen zwar Einspruch erheben, aber damit kommen sie nicht durch, das haben schon andere vor ihnen versucht.”

Was kriege ich denn da an Rente überhaupt raus?”

Moment. Ich schau mal”. Nachdem die nette Dame eine Weile an ihrem Computer herumgetippt hat, atmet sie einmal tief durch. Es klingt eher wie ein Seufzer.

Sie bekommen dann etwa 100 Euro mehr als jetzt mit der Grundsicherung.”

Aber das reicht nicht für die Wohnung.”

Vielleicht sollten Sie dann Wohngeld beantragen”.

Es regnete auf dem Nachhauseweg. Das passte perfekt zu Manfreds Stimmung. Wie sollte er das nur seiner Frau beibringen, dass sie vielleicht bald noch mal umziehen müssen, oder gar auf der Straße landen?

Alles weg, dachte Manfred. Alles was ich mir in meinem Leben erarbeitet habe, zusammen mit Ingeborg, alles weg.

Das Haus. Mietfrei wohnen? Aus der Traum.

Schöne private Zusatzrente? Weg, verramscht an die Versicherung, wie Aasgeier haben die sich gefreut.

Mit der Auszahlung der Lebensversicherung das Haus renovieren und endlich die lang ersehnte Reise nach Amerika machen? Nix da.

Das ersparte Geld für Notfälle? Verbraten. Oder „verwertet”, wie es so schön im Amtsdeutsch heißt.

Alles was bleibt, nach 35 Jahren harter Arbeit auf dem Bau und den Entbehrungen durch die Kinder – Kinder sind teuer – ist eine kleine Wohnung, die einem noch nicht mal gehört und die man sich nicht mehr leisten kann.

Und das erhält man als Lohn, nachdem man eigentlich alles richtig gemacht hat?

Tja, da war das kleine Wörtchen „eigentlich”, denn „eigentlich” darf man in diesem Land nie länger als ein paar Monate arbeitslos werden.

Wofür habe ich mich abgerackert?” fragt sich Manfred, als er in die Straße einbiegt, in der sein Wohnsilo steht.

Sofort fällt ihm der kleine Lastwagen auf. Ein etwas heruntergekommen aussehender Mann, jünger als Manfred, trägt Kartons ins Haus.

Guten Tag mein Herr. Ziehen sie in die Wohnung im dritten Stock?”, fragt Manfred höflich.

Ja. In welchem Stock wohnen Sie denn?”, antwortet der Jüngere etwas gestresst.

Wir wohnen in der siebten Etage.”

Ich wollte hier eigentlich gar nicht einziehen, aber die vom Amt haben mir die Wohnung zugewiesen, nur ein Zimmer. Aber was solls.”

Die vom Amt. Welches Amt meinen sie?”

Das Jobcenter.”

Das Jobcenter? Oh, je. Da komme ich gerade her. War nicht schön. Was sind sie denn von Beruf, wenn ich fragen darf? Ich bin Maurermeister.”

Ich hab Koch gelernt. Aber da war ich im Knast wegen Drogen und so. Und hinterher, als Knacki, kriegste keinen Job. Es sei denn vielleicht, man heißt Uli Hoeness. Jetzt bin ich schon seit drei Jahren clean, aber trotzdem.”

Und wovon leben sie jetzt? Hartz IV?”

Jupp. Aber sorry, ich kann jetzt nicht weiter quatschen, ich muss den Wagen noch leer räumen und zurückbringen. Wir sehen uns.”

Tja”, dachte sich Manfred. „Ich habe fast mein ganzes Leben lang gearbeitet, alles richtig gemacht und mir nichts zu Schulden kommen lassen – und habe nun das gleiche Geld wie der junge Mann mit der Drogenkarriere.

Ist doch schön, wie Lebensleistung in diesem unserem Lande anerkannt wird und das soziale Netz uns auffängt wenn wir abstürzen.

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