„Wir können dich jederzeit abmelden…“

von Michael Allocca, 14.05.2019

stacheldrahtDiesen oder ähnlich lautende Sätze hat wohl jeder gehört, der im Bereich der Zeit- bzw. Leiharbeit sein Geld verdienen muss. Klingt das nach Sicherheit? Klingt das überhaupt im Ansatz nach einem Arbeitnehmer/Arbeitgeberverhältnis? Man arbeitet meist für Mindestlohn, bekommt Verträge über 35 Std., muss aber die Zeiten arbeiten, die der Kunde vorgibt. Na ja, es sind dann ja Überstunden, könnte man denken, aber erstmal hat man sich ein Stundenkonto von mindestens 100 Std. aufzubauen. Erst dann werden diese sog. Überstunden in die Abrechnung genommen und man kommt ein paar Euro weg von dem, was man vorher vielleicht durch Hartz IV bezogen hat. Von diesem Konto zehrt man, wenn es keine Aufträge der Verleihfirma gibt. Ist das Konto aufgebraucht, dann gehts an den Urlaub. Habe ich übrigens nie wirklich verstanden, wenn solche Flauten über die eigenen Überstunden abgezogen werden. Denn an sich hatte man ja mal einen Vertrag unterschrieben in dem die Verleihfirma diese 35 Std. festschreibt, dann hat sie doch auch für die 35 Std. zu sorgen und nicht der Arbeitnehmer mit seinem Urlaub und seinen Plus Stunden.
Also halten wir mal fest: Sicherheit ist nicht gegeben, man kann jederzeit und von einem Tag auf den anderen wieder ohne Arbeit da stehen und ist zu jederzeit auf die Gnade eines Vorarbeiters, Teamleiters oder wie sie sich auch immer nennen mögen, angewiesen.

Na gut, Sicherheit ist schon da aber doch nur für die Verleihfirma, die dem Arbeitnehmer Stunden und Urlaub abziehen darf, wenn sie nicht in der Lage ist Aufträge zu beschaffen.

Verdienen tun alle am Leiharbeiter, warum verdient dabei der Leiharbeiter nur nicht?

Es fängt schon mit der Jobsuche an. Man bewirbt sich auf ein Stellenangebot, welches öffentlich in der Zeitung oder online steht. Die erste Frage: „Haben Sie einen Vermittlungsgutschein?“

Muss man dies verneinen, hat man schon verloren. Im besten Falle gibt es noch ein freundlich geheucheltes „Wir melden uns bei Ihnen!“, es kann aber durchaus passieren, dass einfach aufgelegt wird. Da könnte der Gedanke aufkommen, dass diese Firma gar nicht am Vermitteln von Arbeitsplätzen interessiert ist. Vor Jahren schon hat man von Amtes Seite versucht gegenzusteuern und die Gutscheine wurden erst nach drei Monaten Auszahlungsreif… Okay, denn fliegt man eben nach drei Monaten und diese Unternehmen suchen sich ihr nächstes Opfer. Mittlerweile wird man sich auch da genügend Polster aufgebaut haben, das selbst diese drei Monate für keine dieser Firmen eine Hürde darstellen. Diese Gelder sind verschwendet denn sie werden schlicht und ergreifend missbräuchlich von solchen Unternehmen angefordert. Hier wird gelogen und betrogen um sich Leistungen des Arbeitsamtes zu erschleichen aber es interessiert niemanden. Im Gegenteil, alle haben Spaß, tolle Statistiken und die Kassen klingeln. Nur der Bewerber bleibt in diesem System auf der Strecke, denn sobald man den Gutschein aus der Hand gibt, hat man schon verloren.

Dieses System muss dringendst überarbeitet werden. Arbeitsvermittler sollen als einziges auch Arbeit vermitteln und nicht Leistungen abgreifen, die andernorts dringend gebraucht werden.

Warum tut man sich das alles überhaupt an? Weil man ja arbeiten muss und damit automatisch jedem das Recht gibt, sich an diesem Problem zu bereichern? Sicher NICHT!
Oder ist man gar so idealistisch und sucht tatsächlich nach einer Tätigkeit, die zum einen den Lebensunterhalt sichert und vielleicht sogar ein ganz klein wenig Spaß macht? Ist das zu viel verlangt? Ich meine NEIN!

Was kann das BGE hier leisten?

Durch ein BGE würde zuallererst einmal eine echte Grundsicherung greifen. Man würde nicht mehr unter dem Druck stehen, jegliche Art von Arbeit annehmen zu müssen und man könnte auch nicht mehr gezwungen werden, sich o.g. Systemen zur „Frischfleischbeschaffung“ oder des offensichtlichen Betruges auszusetzen und diese zu fördern. Man kämme endlich in die Situation das man auch mal Nein sagen kann, ohne das irgendwo mit Sanktionen gedroht wird.
Arbeitsvermittler wären tatsächlich gezwungen auch wieder wirklich Arbeit zu vermitteln, egal ob dieser Vermittler bei einem Amt sitzt oder in irgendeinem Zeitarbeit Büro. Sie alle wären auf einmal gezwungen den Arbeitsuchenden zu umwerben und nicht mehr nur als eine Art von Verbrauchsmaterial anzusehen.

Das muss unser aller Ansinnen sein denn niemand muss sich derart ausbeuten und missbrauchen lassen.

Ist der Druck erstmal gemindert, hat der Arbeit suchende Bürger aber noch ganz andere Möglichkeiten und nicht nur der. Wer würde sich z.b. gern auch mal ein wenig weiter bilden, kann es aber nicht, weil z.b. die Zeit fehlt? Einfach nochmal die Schulbank drücken und sich keinen Kopf machen müssen ob man den Monat übersteht. Oder vielleicht träumt man ja schon länger davon auf Teilzeit zu gehen, um mehr Zeit für die Familie zu haben oder für sein Hobby. Bei mir z.b. wäre es beides. Man möchte schon mehr mit dem Partner machen, als gemeinsam nach einem Arbeitstag auf der Couch einzuschlafen bevor man denn ins Bett wechselt. Kennt ihr auch, oder?

Und meine Freunde im Hobby habe ich zuletzt vor einem Jahr gesehen, weil ich es einfach zu keinem Event mehr schaffe. Geht es einigen meiner geneigten Lesern ähnlich?

Vielleicht ist die Wirtschaft eines Tages auch einfach gezwungen andere Arbeitszeitmodelle zu entwickeln. Modelle die beiden Seiten zugutekämen und auch neue Arbeitsplätze schaffen könnten. Dann wäre Arbeitnehmer auch nicht mehr nur eine Art von Handelsware, sondern tatsächlich Partner auf Augenhöhe und das muss immer unser Ziel sein. Und Augenhöhe braucht es ganz dringend, ganz besonders im Bereich der Zeitarbeiter, die für manch einen gefühlt doch nur „besserverdienende Hartzer“ zu sein scheinen und deren Probleme besserverdienenden in der Tat oftmals am Ar… vorbeigehen. Da braucht man beispielsweise nur mal eine entsprechende Diskussion bei FB verfolgen und liest tatsächlich ab und zu sowas wie Arroganz heraus.

Und zu guter Letzt weil das auf gar keinen Fall fehlen darf, ich höre immer wieder dieses: „Wer geht denn dann noch arbeiten?“

Ich z.b. und meine Frau ebenso. Nur anders eben. Viele Beschäftigte im Einzelhandel würden das sicher auch und vielleicht würden andere Arbeitszeitmodelle auch hier die eine oder andere Kasse mehr öffnen ohne das man genervt im Gang rumquengelt. Pflegepersonal im weitesten Sinne gehört ebenso dazu und gerade hier finde ich es sogar richtig wichtig. Wer diese Frage stellt, hat in meinen Augen eigentlich schon deutlich gemacht das er gar nichts verstanden hat (Meine ganz persönliche Meinung). Ich habe tatsächlich Menschen kennen gelernt die ihre Jobs lieben und die gar nicht aufhören könnten. Sie würden auch nicht aufhören aber eben „anders“ arbeiten wollen. Mit einem Grundeinkommen gäbe es eine Chance für ganz neue Teilzeit Arbeitsmodelle, aber niemand wäre gezwungen aufzuhören, wenn er es nicht will. Wir könnten Arbeit ganz neu definieren, Modelle neu formen und das wird auch notwendig in einer Zeit, in der immer mehr automatisiert wird. Ich will nicht das Schreckgespenst hervorrufen, sondern auch hier ein rechtzeitig gestaltetes Miteinander für eine Zukunft mit ganz neuen Herausforderungen.

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