Der ganz normale Wahnsinn

Michael Conrath, 10.5.2019

der ganz normale Wahnsinn 1Morgens 6 Uhr. Der Wecker piept. Es ist noch dunkel draußen, es regnet, und ich bin noch hundemüde. Zu dumm, dass ich gestern Abend noch ein paar Stunden für ein Leben jenseits der Arbeit „verplempern“ musste. Aber jetzt muss ich aufstehen, sonst schaffe ich es nicht. Ehe ich aus dem Haus gehe, muss ich nicht nur mich selbst fertig machen – obwohl ich mich schon jetzt ziemlich fertig anfühle – sondern auch das Fresspaket und die große Thermoskanne Kaffee, um über den Tag zu kommen.
Kurz vor 7 Uhr, halbwach auf dem Weg zur Bushaltestelle. Unglaublich, wie viele Leute schon auf den Beinen sind und sich zu ihrer Arbeit quälen. Der Bäcker macht gleich auf, die Busse fahren schon seit Stunden. Diese armen Schweine mussten also noch früher aufstehen. Soll mir keiner erzählen, dass die das alle gern machen.
der ganz normale Wahnsinn 2In Bus und Bahn sehe ich lauter müde und genervte Gesichter. Dicke und dünne Leute, große und kleine Leute, Schüler und Erwachsene, Menschen aller Hautfarben, Anzugträger mit Schlips, und Bauarbeiter im Blaumann mit Flachmann – sie alle fahren in Massen in ihre Hamsterräder, einige von ihnen an die höheren Sprossen, andere an tiefere. Sicher, manch einer macht seine Arbeit wirklich gern, und das ist schön. Aber die meisten haben sich eher dem Unvermeidlichen gefügt – es ist halt so, wie es ist, da ist nichts zu machen. Begeisterung und Erfüllung sehen anders aus. Einige schauen regelrecht angewidert dem Tag entgegen, der sie auch heute wieder erwartet – ohnmächtig, den Zustand zu ändern und der täglichen Knochenmühle zu entkommen.
8 Uhr, pünktlich beginnt die Arbeit. In meinem Fall gerade eine Weiterbildung. Fast acht Stunden lang sitze ich nun vor einem flimmernden Viereck, bleibe fast ohne Pause auf Sendung, und so geht das Tag für Tag, Woche um Woche, wie bei so vielen anderen auch. Ohne Kaffee und Panzerschokolade ist das kaum auszuhalten.

der ganz normale Wahnsinn 3Und warum das alles?
Na, weil ich Geld brauche, regelmäßig wie ein Süchtiger. Und warum brauche ich Geld? Okay, eigentlich brauche ich nicht wirklich Geld. Unser heiliges Geld besteht ja bloß aus bedruckten Zetteln oder gestanzten Blechstücken oder Einträgen in Excel Tabellen, die Andere freundlicherweise für uns verwalten. Eigentlich ist es völlig verrückt, sich ein Leben lang für Geld abzurackern, denn im Grunde ist unser Geld komplett wertlos. Aber was ich eigentlich brauche, bekomme ich eben fast nur für dieses wertlose Geld. Ich brauche ein Dach über dem Kopf, ich möchte es warm haben, brauche Essen und Trinken, um nur das allernötigste zu nennen. Das alles kostet mich und die meisten anderen Menschen heute Geld, das deswegen immerzu herbeigeschafft werden muss – um jeden Preis.

Theoretisch könnten die Menschen sich ihre Häuser auch selbst bauen und verwalten, ihre Nahrung selbst anbauen, selbst Trinkwasser aus sauberen Quellen und Flüssen schöpfen, auf dem eigenen Dach Strom und Wärme ernten, geschlossene Kreisläufe aufbauen, sodass es gar keinen Abfall gibt, und so weiter. Dann bräuchten sie zumindest deutlich weniger Geld. Wirklich alles selber machen funktioniert natürlich nicht. Aber was heute illusorisch klingt, war noch vor 100 Jahren für die meisten Menschen völlig selbstverständlich. Selbstversorgung war der Normalfall auf den Dörfern, regionale Versorgung der Normalfall in den Städten. Die brauchten entweder fast gar kein Geld oder konnten zumindest regionales Geld verwenden. Ich denke, zu diesem Zustand müssen wir ein Stück weit zurück, um aus der Geldfalle zu kommen.

der ganz normale Wahnsinn 4Warum bedrucken wir eigentlich nicht selbst bunte Zettel und geben allen Leuten regelmäßig genug davon? Ach ja, das dürfen wir nicht. Zumindest keine bunten Euro-Zettel. Dieses Privileg hat einzig und allein die Europäische Zentralbank, eine letztlich private Bank in Frankfurt am Main. Als ob das nicht schon absurd genug wäre, wird das Geld von der Zentralbank nicht etwa nach Bedarf an die einzelnen Staaten verteilt, die es dann an ihre Bevölkerung weiterverteilen, sondern das Geld kann nur ausgeliehen werden, und zwar gegen Gebühr, den Leitzins. Es muss somit mehr Geld zurück gezahlt werden, als überhaupt gedruckt wird – richtig, das geht gar nicht. Es sei denn, man leiht sich noch mehr Geld aus. Immer noch nicht seltsam genug? Selbst dieses Ausleihen dürfen die Staaten, die das Geld verwenden, nicht direkt machen, sondern das besorgen die Geschäftsbanken und Kreditinstitute. Die leihen sich die bunten Zettel bei der Zentralbank zum Leitzins aus und verleihen sie dann gegen höhere Zinsen an uns weiter. Uns, das meint Privatmenschen, aber auch Unternehmen und Kommunen, Bundesländer, der Bund. Da das Geld nicht einfach staatlich organisiert selbst gedruckt wird, entscheiden also gewinnorientierte Banken in privater Hand darüber, zu welchen Konditionen wir an das Geld kommen. Dort wird mit größter Selbstverständlichkeit Geld verliehen, dass es gar nicht gibt, Excel macht es möglich. Es wird einfach erfunden, aus dem Nichts geschöpft. Aber zurückgezahlt werden samt Zinsen und Zinseszinsen soll es schon. Gern mit Folgekrediten bis in alle Ewigkeit und immer mehr Zinsen. Und wir machen diesen legalisierten Betrug auch noch brav mit. Deshalb haben heute fast alle Staaten dieser Welt Schulden bis über beide Ohren. Deshalb machen die Zinsen, die Bund, Länder, und Kommunen zu zahlen haben, einen der größten Haushaltsposten aus und lähmen uns zusehends. Deshalb sind wir gezwungen, auf immer mehr zu verzichten, während den Bankenlenkern das Geld nur so zuströmt. Deshalb regieren eher die, die das Geld regieren, die Welt – und nicht etwa wir, das Volk. Und deswegen wird auch morgen wieder mein Wecker um 6 Uhr piepen.

Es sei denn, wir korrigieren diesen Wahnsinn und bauen uns eine gesunde Normalität.

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