Thema verfehlt – Setzen, 6!

von Thomas Müller

Der Weser-Kurier veranstaltet zur anstehenden Bürgerschaftwahl eine Talk-Reihe mit verschiedenen Themen und Teilnehmern. Dabei handelt es sich um ein Veranstaltungsformat, in dem eine Podiumsdiskussion stattfindet und die Zuschauer im Anschluss Fragen stellen dürfen.
ArbeitsmarktAm 31.03.2019 fand in der Neustadt ein Talk zum Thema „Arbeit und Soziales“ statt. Die besondere Herausforderung für alle Teilnehmer war, in der vorangegangenen Nacht die Umstellung auf die Sommerzeit nicht zu vergessen…

In der Ankündigung der Veranstaltung wurde empfohlen, rechtzeitig da zu sein, weil freie Platzwahl gelte. Dennoch trafen die meisten Zuschauer erst 30 Minuten vor Beginn der Veranstaltung ein. Es waren wohl 50 Zuschauer anwesend, bei 63 bereit gestellten Stühlen gab es somit keine Platzprobleme.

Obwohl das Thema des Talks „Arbeit und Soziales“ war, kamen die Diskutanten fast sofort auf das Thema Bildung zu sprechen, denn ohne Bildung bekommt man ja keine Arbeit. Bildung schien allen Podiumsteilnehmern der alleinige Schlüssel zur Glückseeligkeit am Arbeitsmarkt zu sein.

Dazu wurden einige Zahlen eingestreut, vor allem vom Vertreter der Arbeitnehmerkammer, der als Gast bei den Zuschauern saß. Anschließend wurde dann über diese Messwerte und die durch sie dargestellten Symptome des Bremer Arbeitsmarktes diskutiert.

In der realen Bremer Politik scheint viel Redebedarf zu herrschen, denn regelmäßig wurde auf Arbeitskreise, Ausschüsse und Beschlüsse der Bürgerschaft hingewiesen, aber konkrete Lösungsvorschläge waren in der Diskussion Mangelware.

Und immer wieder kehrte die Diskussion zum Thema Bildung und den dortigen Mankos zurück, wie zum Beispiel nicht ausbildungfähige Schulabgänger, unbesetzte Ausbildungsplätze oder Probleme im Schulwesen. Hätte dieser Talk das Thema Bildung gehabt, wäre das treffender gewesen!

Beliebt war auch das Thematisieren der Probleme alleinerziehender Mütter. Dabei ging es aber weniger um deren Finanzlage als um die Schwierigkeiten einer Arbeitsaufnahme angesichts des aktuellen Mangels an Kita-Plätzen. Immerhin etwas in Richtung Soziales.

Erst nach einer Stunde durfte das Publikum Fragen stellen. Bis auf eine Ausnahme bezogen sich diese Fragen eher auf das Thema Bildung. Angesichts des Verlaufs der Podiumsdiskussion verwunderte mich dies nicht.

Am Schluss, die Dame der Moderation drängte bereits vehement auf das Ende der Veranstaltung, gelang er mir doch noch eine Frage zum eigentlichen Thema zu stellen. Dabei nutzte ich selbstverständlich die Gelegenheit darauf hinzuweisen, dass mehr über das Thema Bildung als das angekündigte Thema „Arbeit und Soziales“ geredet wurde, und es den Podiumsteilnehmern somit gelungen sei, die zumindest von mir erwarteten heißen Eisen zu vermeiden.

Meine Frage lautete: „Hartz IV grundlegend reformieren, ja oder nein?“

Diese Frage war allen fünf Protagonisten extrem unangehm, was leicht an ihren plötzlich veränderten Gesichtszügen erkennbar war. Da landete ich wohl einen Volltreffer!

Die Antworten waren:

– Grüne (Frau Anja Stahmann): ein klares Ja, das sehr überzeugend rüber kam.

– FDP (Frau Birgit Bergmann): die FDP will ein Bürgergeld einführen – und just in dem Moment kam aus dem Publikum die Frage nach der Höhe. (Schicksal, manchmal bist du toll.) Letztendlich musste Frau Bergmann einräumen, dass dieses Bürgergeld wohl niederiger ausfällt als Hartz IV. Daher werte ich die Antwort von seiten der FDP als ein Nein.

– Linke (Frau Miriam Strunge): ein ausdrückliches Ja.

– CDU (Frau Sigrid Grönert): hier kam eine etwas ausweichende Formulierung, die als Nein zu werten ist. Aber Frau Grönert kann ja auch schlecht „Ja“ sagen, wenn Frau Merkel eine Woche zuvor in Bremerhaven gesagt hat, dass sie (Merkel) keinen Bedarf für eine Reform bei Hartz IV sieht.

– SPD (Herr Martin Günthner): hier kam eine Art gedehntes Ja mit Anspielung auf Andrea Nahles und dem abschließenden Hinweis, die CDU sperre sich dabei. Das war wohl als Anspielung auf die Bundespolitik gemeint und wird von mir als Ausrede klassifiziert, die letztlich zur Antwort „Ja, aber nicht wirklich“ führt. (Jetzt wo ich das schreibe, klingt das für mich wie Brexit.)

Mein Resümee dieser Veranstaltung lautet, dass das Thema Bildung in diesem Wahlkampf heißer sein könnte als soziale Fragen und Fragen zum Arbeitsmarkt.

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